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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Negative Vorbilder beim Handball und wie jeder etwas dagegen unternehmen kann

„Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“, sagt der Volksmund und umschreibt mit diesem Sprichwort, dass das eigene Verhalten einen früher oder später wieder einholt.

 

Von Lars Kimpel und Thorsten Steeger

Jugendliche, die einen Schiedsrichter in der Halbzeitpause anmeckern, chronisch ausflippende Trainer, Bierflaschen werfende Zuschauer. All das erlebten wir bedauerlicherweise als Schiedsrichtergespann. es scheint außerdem, dass solche Situationen immer häufiger auftreten. Wir Schiedsrichter nehmen bei dieser Thematik eine Schlüsselposition ein. Wir sind oft nicht nur Schiedsrichter sondern sind (oder waren) Spieler, Trainer und Zuschauer. Umgekehrt ist es aber eher selten, dass Spieler, Trainer oder Zuschauer auch Schiedsrichter sind oder waren. Folglich ist die Perspektive der Schiedsrichter den meisten Beteiligten nicht bekannt.

Samstagnachmittag 15:00 Uhr, irgendwo in Deutschland in irgendeiner Halle. Die D-Jugend des ansässigen Handballvereins bestreitet gerade ein Meisterschaftsspiel der Bezirksliga B. Auch an diesem Wochenende sind Heimmannschaft und Gastmannschaft vollzählig erschienen. Mit ihnen der Trainer- und Betreuerstab. Dazu gesellen sich dann noch gut 20 bis 30 Eltern die, wie sich im Verlauf des Spiels herausstellt, als weitere Angehörige des Trainerstabs „tätig“ sind. Und  wie es in der Natur der Dinge liegt, haben beide Trainer ihre eigenen Meinungen. Überflüssig zu erwähnen ist, dass beider Meinung die einzig Richtige ist. Und so beginnt auf den Auswechselbänken und Zuschauerrängen ein munteres Diskussionsspiel. Und wie es sich für eine ordentliche Diskussion gehört, wird diese mit entsprechender Lautstärke und passendem Vokabular versehen. Mittendrin der Schiedsrichter. Er hat dabei die Aufgabe, für Einigkeit unter den Trainern zu sorgen, unabhängig davon, ob es sachlich und fachlich gerechtfertigt ist. Aber warum sollte es im Sport auch anders ablaufen als z.B. in der Politik. Genau wie dort wird ein wesentlicher Teil des Ganzen oftmals vergessen: Das Volk. Oder in unserem Beispiel die Kinder, die an diesem Samstagnachmittag sich in der Halle eingefunden haben, um einen schönen Tag mit ihrem Sport zu verbringen.

Zugegeben ist es etwas überspitzt dargestellt und auch nicht immer Normalität, aber dennoch sind solche Szenen immer wieder in den Hallen zu erleben.

Aber was kommt danach, was ist am Sonntag? Nun, die Streithähne vom Samstag fühlen sich gut, da sie sich einigermaßen abreagieren konnten. Die Kinder allerdings versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Und was bleibt ihnen anderes übrig, als das von den Trainern vorgelebte Verhalten als richtig anzusehen und in ihr Verhalten zu übernehmen.

Bereits eine Woche später, im nächsten Spiel, werden sie gleich zeigen, was sie alles gelernt haben. Und so wird dann nach gleichem Schema der Schiedsrichter beschimpft, der Gegenspieler umgerissen, beleidigt oder was sich sonst eben aus den vorangegangenen Spieltagen für „Tipps“ ergeben haben.

Der Respekt gegenüber den Schiedsrichtern schwindet

In einem unserer Spiele der abgelaufenen Saison stellten mein Gespannpartner und ich zudem eine weiter sinkende Hemmschwelle gegenüber den Schiedsrichtern fest. In einem Bezirksoberligaspiel (vorletztes Saisonspiel, Tabellenerster gegen den –dritten, alles war noch offen) kam in der Halbzeit ein ca. 12-jähriger Junge zu uns auf das Spielfeld und sprach uns in einem fordernden und aggressiven Ton an: „Mann Schiri, pfeif mehr 7-Meter für uns!“. Sprachlos versuchten wir zu verstehen, was wir gehört hatten. Wir hätten uns so etwas in diesem Alter nicht getraut. Der Respekt anderen Menschen gegenüber hat stark abgenommen. Aber woher sollen Jugendliche wissen, wie man mit anderen respektvoll umgeht, wenn sie von klein auf die oben beschriebenen Samstagnachmittage erleben? Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.

Der Trainer als Vorbild

Den Trainern – gerade im Jugendbereich – kommt im Hinblick auf ihre Vorbildfunktion eine sehr große Bedeutung zu. Zum einen müssen sie durch ihr Fachwissen zeigen, dass sie fähig sind, Lösungsansätze für die unterschiedlichen Spielsituationen zu finden. um anderen müssen sie neue Inhalte im Training plausibel erklären und sie so vermitteln, dass sie in das Repertoire der einzelnen Spieler übergehen. In Bezug auf fairen und respektvollen Umgang mit Mit- und Gegenspielern, Schiedsrichtern, Trainern und Zuschauern müssen die Trainer zudem Sozialkompetenz aufweisen. Immer wieder stellen wir fest, dass gerade höherklassige Jugendmannschaften sehr diszipliniert spielen. Wenn wir dort eine Fehlentscheidung trafen, dann wurde sie hingenommen, und es wurde weitergespielt. Solche Mannschaften haben fast immer einen Trainer auf der Bank sitzen, der ausschließlich taktische Anweisungen in richtiger Dosierung ausgibt. Anschuldigungen in Bezug auf Fehlentscheidungen gibt es nicht. Ein kurzes Gespräch in der Halbzeit oder nach einem Spiel ist hier die Regel. Verhält sich ein Trainer jedoch sehr emotional, gar aufbrausend, so ist es in der Regel so, dass auch die Spieler sehr bald beginnen, über Entscheidungen zu diskutieren. Auch das Publikum lässt sich dadurch sehr schnell vereinnahmen und beginnt seinerseits mit Anschuldigungen und Beschimpfungen. Ein Teufelskreis, der nur dann verhindert werden kann, wenn auf der Bank erst gar keine Unruhe aufkommt.

Der Spieler als Vorbild

(…) Kein Spieler bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er seinem Gegenspieler den Ball zuwirft, sich für ein – im Eifer des Gefechts – entstandenes Foul entschuldigt, mal zugibt, dass er den Ball als Letzter berührt hat, bevor er ins Aus ging usw. Unfaires Spiel und Verhalten resultieren oft daraus, dass einzelne Spieler sich unfair verhalten und die Betroffenen sich dafür revanchieren. Innerhalb der Mannschaft darf unfaires Verhalten nicht geduldet werden. Als Mitspieler sollte man beruhigend auf seinen Mannschaftskollegen einwirken. Vor allem mit dem Schiedsrichter kommt man als fairer Spieler besser aus.

Der Verein als Vorbild

Der Verein nimmt bezüglich seiner Vorbildfunktion die wichtigste Rolle ein. Der Verein gibt die Rahmenbedingungen vor. Im Geschäftsleben würde man von „Corporate Behaviour“ (als Unterbereich des „Corporate Identity“) sprechen. Dabei geht es um das Verhalten innerhalb eines Vereins. Das Verhalten der Mitglieder untereinander und auch das Verhalten der Mitglieder zu Externen (z.B. Zuschauern, anderen Mannschaften/Vereinen, Schiedsrichtern usw.). Den Mitgliedern und Externen muss deutlich gemacht werden, das Fairness die höchste Priorität hat. Es geht im Spiel darum, dass die bessere Mannschaft gewinnt. Der erste Schritt könnte die Erstellung eines Verhaltenskodexes sein. Dieser muss entsprechend kommuniziert werden. Ganz wichtig hierbei ist, dass Verstöße auch geahndet werden. Demjenigen, der etwas verkehrt gemacht hat, muss das mitgeteilt werden. Wie wäre es zum Beispiel, wenn ein Spieler, der einen Schiedsrichter beleidigt hat, die Strafe, die gegen den Verein ausgesprochen wird, selbst zu zahlen hat – und nicht wie üblich der Verein. Sicherlich wird er es sich beim nächsten Mal überlegen, ob es ihm 50 oder mehr Euro wert ist, den Schiedsrichter einen „Idioten“ zu nennen. Wenn der Übeltäter die Strafe selbst bezahlt, hat das zudem den Vorteil, dass dieses Geld beispielsweise nicht bei der Jugendarbeit fehlt.

Ein weiterer Schritt ist eine nutzbringende Kommunikation innerhalb des Vereins. Hier kann ein Erfahrungsaustausch innerhalb der einzelnen Gruppen (also es treffen sich z.B. alle Schiedsrichter eines Vereins) oder auch der Gruppen untereinander erfolgen (Trainer setzen sich mit Schiedsrichtern zusammen). So werden die Sichtweisen und Absichten der anderen transparent, und vielleicht führt das dazu, dass Trainer weniger lamentieren oder Schiedsrichter auch mal ein Auge zudrücken, weil beide Seiten einander besser verstehen.

Als Beispiel möchten wir hier die Arbeit des TV Aßlar vorstellen. Dort haben die zum Verein gehörenden Schiedsrichter im Rahmen von regelmäßigen Stammtischen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur regeltechnischen Weiterbildung im kleinen Kreis. einerseits führt dies dazu, dass sich die Schiedsrichter nicht allein gelassen fühlen und somit auch bereitwilliger für den Verein tätig sind. Die Erfahrung zeigt, dass die Schiedsrichter, die daran teilnehmen, eine positivere Grundeinstellung zu ihrer Tätigkeit haben und diese auch nach außen darstellen. Vor jeder Saison setzen sich Trainer und Schiedsrichter zusammen, um aktuelle Anweisungen und deren Auswirkungen zu besprechen. Regeltechnische Fragen, die in Trainerkreisen immer wieder auftreten, werden besprochen und so die Sichtweisen der jeweils anderen Seite deutlich. Ein Ansatzpunkt, um auch die Arbeit des Vereins und der Trainer nach außen transparent zu machen, wäre – zumindest im Jugendbereich – auch die Eltern in solche Gespräche zu integrieren. Trainer hätten die Möglichkeit, vorab zu erklären, warum sie eine bestimmte Abwehrformation üben wollen, auch mit der Gefahr, einige Spiele kläglich zu verlieren. Schiedsrichter könnten ein paar häufig auftretende Fehleinschätzungen klären. Vielleicht lernt dann jeder, dass nicht die Entscheidung des Feldschiedsrichters die einzig richtige ist. Bei dieser Gelegenheit kann man alle Mitglieder für die möglichen Strafen sensibilisieren.

Die Zuschauer (Eltern) als Vorbilder

Natürlich sind alle Eltern auf das Wohl des eigenen Kindes aus. Somit auch darauf, dem eigenen Kind zu so viel Erfolg wie möglich zu verhelfen. Oftmals bleibt es nicht bei der Unterstützung und der Förderung von Bewegung und Sozialkompetenz, vielmehr kommt es nicht selten zu einem Wettkampf zwischen den Eltern: „Hast du gesehen, mein Sohn hat 11 Tore geworfen!“. Schön für den Jungen, jedoch schlecht für das Selbstbewusstsein der anderen. Auch hier können wir nur empfehlen, vor jeder Saison das Gespräch mit Trainern, den Vereinsverantwortlichen und Eltern zu suchen. Den Eltern muss vermittelt werden, das Ideen wie zum Beispiel eine Torprämie für den eigenen Sohn das Gefüge einer ganzen Mannschaft zerstören kann. Nicht der Erfolg des Einzelnen, sondern der Erfolg der Mannschaft muss das Ziel sein. Am wichtigsten ist jedoch das Verhalten der Eltern auf der Tribüne. Dass ein Vater, zwei Meter hinter der Bank sitzend, bei einem E-Jugend-Spiel (!) „Schiri, du Penner.“ ruft, gehört einfach nicht in die Sporthallen. Vereine müssen hier verstärkt entgegenwirken. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Mehrheit der Eltern und Zuschauer solch ein Verhalten nicht tolerieren, sich aber oftmals nicht trauen einzugreifen. Genau da kann ein Verein aktiv werden, den ersten Schritt tun, das Verhalten seiner Zuschauer in die richtige Richtung lenken und z.B.

·        …schöne Aktionen (auch der anderen Mannschaft!) mit Applaus belohnen.

·        …auf keinen Fall Mannschaft oder Spieler auspfeifen!

·        …beruhigend auf Spieler und gegebenenfalls auch den Trainer einwirken.

 

Die Schiedsrichter als Vorbilder

Viele sprechen den Schiedsrichtern Fingerspitzengefühl ab. Immer wenn Entscheidungen zu kleinlich sind, oder das Spiel aus dem Ruder läuft, liegt es an diesem berühmten Fingerspitzengefühl. Und in der Tat müssen wir Schiedsrichter uns nach jedem Spiel fragen, was haben wir heute getan, damit ein Spiel schlecht oder auch gut verlaufen ist. Wir die Situation sonst noch verbessern können, ist zuvor zum Teil angeklungen. Wir müssen das Gespräch mit der „anderen Seite“ suchen. Was liegt da näher als dies im eigenen Verein zu tun. Wenn es noch keine vergleichbaren Ideen im eigenen Verein gibt, sollten die Schiedsrichter von sich aus auf den Verein zugehen und Vorschläge zum Gedankenaustausch unterbreiten. Denn die Schiedsrichter erfahren in der Regel auf ihren Vorbereitungslehrgängen als erste, was in der kommenden Saison zu beachten ist, worauf die Schiedsrichter Wert legen sollen oder welche Änderungen es gegeben hat. Dies sollte ein willkommener Anlass sein, mit Trainern, Betreuern, Spielern aber auch Zuschauern (Eltern) ein Gespräch zu führen. Nicht nur Kondition und Ballsicherheit müssen für eine neue Saison trainiert werden, auch die Regelkenntnis bedarf immer wieder einer Auffrischung.

Während eines Spiels können wir ebenfalls Einfluss nehmen, auch wenn wir selbst nicht auf dem Feld stehen. So können wir als Zuschauer den anderen Zuschauern bestimmte Situationen erläutern und so zeigen, dass der Mann an der Pfeife der Regel entsprechend korrekt gepfiffen hat. Oder man kann beschwichtigend auf andere einwirken, da man selbst am besten weiß, dass man bestimmte Situationen anders wahrnimmt als es die Zuschauer tun.

Insgesamt liegt es an uns selbst, wie wir als Schiedsrichter wahrgenommen werden und was wir aus unserer Situation machen. Wir haben die Möglichkeit, den „Teufelskreis“ umzukehren. Ändern wir das (negative) Image der Schiedsrichter innerhalb des eigenen Vereins durch Gespräche und Erfahrungsaustausch, so ändert sich auch die Einstellung der Trainer und der einzelnen Mannschaften. Wenn die Mannschaften disziplinierter spielen, können auch die Spieler ein gutes Vorbild für Kinder und Jugendliche sein.

Denn eins haben wir bei der Betrachtung feststellen können; ein Apfel, der nicht weit vom Stamm gefallen ist, muss nicht zwangsläufig schlecht schmecken.

Von Lars Kimpel & Thorsten Steeger

(Heft „der handball schiedsrichter“; 3. Quartal 2008)



 
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